23. Was ist bei der Igel-Auswilderung im Herbst zu beachten?
Oktober 7, 202625. Mein Pflegeigel beginnt im Winterschlafquartier seinen Winterschlaf nicht! Was kann ich tun?
Oktober 7, 202624. Wie lässt man den Pflegeigel einen Winterschlaf in menschlicher Obhut machen?
Igel halten von ungefähr Mitte Oktober (adulte Männchen), Anfang November (adulte Weibchen) bzw. Anfang Dezember (Jungigel) bis Anfang April einen sogenannten echten Winterschlaf - so wie auch Fledermäuse, Murmeltiere, Siebenschläfer und Haselmäuse, im Gegensatz zur Winterruhe von Eichhörnchen, Braunbär, Dachs, Waschbär, Biber und Feldhamster. Die Körperfunktionen werden bei Igeln im Winterschlaf drastisch stark herabsetzt, sie zehren ihren Fettvorrat auf und können so mehrere Monate ohne Futter überleben. Sie nehmen dabei etwa 1 Gramm pro Tag an Gewicht ab. Ihr Herz schlägt nur noch 2 bis 12 mal, und sie atmen nur noch dreizehnmal pro Minute, die Körpertemperatur sinkt auf Außentemperatur bzw. 4° bis 5° ab.
Im Folgenden geht es um in menschlicher Obhut gesund gepflegte Igel, die das erforderliche Winterschlafgewicht erreicht haben (Richtwerte für Ende November: Jungigel: 750g, Alttiere: 1000g).
Bei Nachttemperaturen unter +5°, oder nach dem 1.Dezember oder gar nach dem ersten Schneefall sollten Pflegeigel nicht mehr in der Natur ausgewildert werden, weil sie kein Material mehr zum Nestbau finden und es so kalt ist, dass der Winterschlaf eventuell spontan auch ohne Nest ausgelöst würde.
Pflegeigel ohne Winterschlafmöglichkeit in warmer Umgebung zu behalten und bis zum Auswildern im Frühjahr weiter zu füttern, ist nicht artgerecht und damit eine Zuwiderhandlung gegen Bundesnaturschutzgesetz und Tierschutzgesetz. Denn Igel werden dann entweder viel zu dick, oder sie fallen in einen energiezehrenden Dämmerzustand, der aber nicht der Energiesparmodus des echten Winterschlafs ist. Dann nehmen sie extrem ab und finden später nicht oder nur sehr schwer in einen normalen Jahresrhythmus.
Die Winterschlafbox, das Schlafhaus und der "Vorraum" in der Box
Man beschafft eine Plastikbox mit einer Mindestgrundfläche von 50 cm x 70 cm und einer Mindesthöhe von 40 cm mit passendem Deckel. Sehr bewährt haben sich die 130-l-SAMLA-Boxen von IKEA. Zu den zugehörigen Deckeln findet man bei Ebay Plastik-Befestigungsklammern aus 3D-Druckern. Wenn diese gerade nicht erhältlich sind, muss man den Deckel auf andere Weise fixieren.
https://www.ikea.com/de/de/p/samla-box-transparent-90102971/
https://www.ikea.com/de/de/p/samla-deckel-fuer-box-55-130-l-transparent-30455089/
Die Box wird dick mit Zeitungspapier ausgelegt. Der Deckel wird quer durchgesägt, man braucht nur eine Hälfte, die man auf der Box mit den Klammern fixiert. Die offene Seite der Box kann man mit Kaninchendraht gegen Mäuse und Ratten sichern. Die Sicherung muss leicht abnehmbar sein, weil man während des Winterschlafs die Bodenfläche außerhalb des Schlafhauses erreichen können muss.
Als Schlafhaus nimmt man einen dickwandigen Wellpappkarton mit etwa DIN-A-4-großer Grundfläche und 25 - 30 cm Höhe. Bitte auf keinen Fall ein Plastik-Schlafhaus und keine Styropor-Isolierung verwenden: Die Feuchtigkeit der ausgeatmeten Luft kondensiert, und nach kurzer Zeit wäre der Inhalt des Plastikhauses inklusive Igel klatschnass.
In das Schlafhaus wird ein Eingangstor von 8-10 cm Breite und Höhe am vorderen unteren Rand hineingeschnitten, bitte nicht mittig, sondern nahe einer Ecke, sonst zieht es drinnen. Das Schlafhaus legen Sie auf dem Boden und an den Seitenwänden (außer vor dem Eingang natürlich) mit ungeknüllten Zeitungsstapeln aus, die 20 bis 30 Zeitungsblätter dick sind. Dann reißen Sie 2-3 Rollen Toilettenpapier in Stücke (ca. 2 und 3 Blatt große Stücke ist klein genug), - eine vergleichbare Menge Küchenroll-Papier geht genauso gut - und stopfen es leicht geknüllt ins Schlafhaus. Das Schafhaus soll so dicht gefüllt sein, dass man durch den Eingang mit leichter Kraft einen Eingangstunnel für den Igel mit der Faust hineindrücken muss. Bitte kein Stroh, Heu oder Laub als Füllmaterial verwenden, da die Gefahr des Schimmelns, eines Hautpilzes oder des Parasitenneubefalls zu groß ist.
Dann klebt man mit Klebeband ringsum den Deckel gut fest auf das Schlafhaus. In den Deckel stechen Sie mit einem spitzen Messer 10 bis 15 1cm große Luftlöcher (Messer einstechen und drehen).
Das Schlafhaus wird unter den halben Deckel der Plastikbox geschoben und mit einem Stein, einer Hantelscheibe (2,5 kg) oder sonstigen Gewichten beschwert. Links, rechts und an der Vorderseite neben dem Eingang mit passenden rechteckigen Back- oder Betonsteinen (oder mit noch geschlossenen Katzenfutterdosen) muss das Schlafhaus fixiert bzw. festgeklemmt werden. Denn es ist unglaublich wichtig, dass der Igel vorm Einschlafen oder bei Unterbrechungen des Winterschlafs das Schlafhaus nicht herumschieben kann. Sonst wird er es als Ausstiegshilfe nutzen, um vom Schlafhausdach aus auf den Plastikdeckel oder über den offenen Rand der Box zu gelangen.
In den Vorraum außerhalb des Schlafhauses in die offene Hälfte der Box werden eine kleine Notration Igeltrockenfutter (nicht mehr als 2 Esslöffel) und ein Wassernapf für gestellt, falls sich der Igel mit dem Einschlafen etwas schwertut oder er während des Winterschlafs mal aufwacht. Letzteres kommt häufiger vor: Einmal pro Woche, einmal pro Monat, einmal im Vierteljahr… das hängt von der individuellen Veranlagung des Igels und von der aktuellen Witterung des Winters ab und ist alles normal.
Unter keinen Umständen Feuchtfutter geben, auch wenn der Igel mal wach ist: das würde den normalen Stoffwechsel des Igels aufrecht erhalten bzw. in Gang bringen. Es soll nur eine kleine Notration sein, die man einfach stehen lässt.
Das Winterschlaf-Quartier
Die fertige Box soll überdacht bei nahezu Außentemperatur stehen, auch bei Minusgraden. Sie darf auf keinen Fall nass werden oder dauernder starker Zugluft ausgesetzt sein. Am besten eignen sich ein Gartenhaus, eine als Abstellraum genutzte Garage, einDachboden oder ein absolut trockener, windgeschützter Balkon oder eine wirkungsvoll überdachte Terrasse, die 100%ig gegen Ratten, Marder, Waschbären, Füchse und andere Fressfeinde des Igels abgesichert ist.
Offene Terrassen, Car-Ports, offene Schuppen oder Scheunen etc. kommen für das Aufstellen einer Igel-Winterschlafbox nicht in Frage. Man möchte im Frühjahr nicht entdecken, dass der schlafende und hilflose Igel von Ratten oder Mardern angefressen wurde.
Wintergärten, Gewächshäuser und vor allem Keller sind erfahrungsgemäß zu warm, so dass ein Igel nicht in den echten Winterschlaf fällt, sondern in einem sehr energiezehrenden Dämmerschlaf dahindöst und völlig abmagert. Bei Dachböden bedenke man, dass es dort im zeitigen Frühjahr schon sehr warm werden kann, so dass der Igel vorzeitig aufwachen könnte.
Vorbereitung des Igels auf den Umzug
Ein Pflegeigel verträgt den Umzug von der warmen Päppel-Box in die Kälte ohne Probleme. Man schaltet nur ein bis zwei Nächte als Übergangszeit in einem kühlen Flur oder einem Raum mit geöffnetem Fenster zwischen, nicht länger. In dieser Übergangsnacht beläßt man den Igel noch in seinem bisherigen Pflegeschlafhaus in der gewohnten Box, gibt aber nur noch Trockenfutter, damit er seine Nahrungsaufname reduziert und möglichst viel Darminhalt vor Bezug des Winterschlafquartiers ausgescheidet. Die Darmreinigung direkt vor dem Winterschlaf erzeugt oft ganz dunkelgrünen, leicht schmierigen Kot, da auch der Gallengang vollständig entleert wird. Durch diese Maßnahme verliert ein Igel meistens zwischen 50 und 100 g Gewicht – dies ist normal und braucht den/die Igelpfleger/in nicht zu beunruhigen.
Zum Einzug in die Winterschlafbox setzt man den Igel tagsüber, wenn für ihn sowieso Schlafenszeit ist, mit der Nase vor den Eingang seines Winterschlaf-Schlafhauses. Er wird bald darin verschwinden.
Ein winterschlafender Igel
stopft den Eingang zum Schlafhaus fest zu, und der Mensch sieht bitte (normalerweise) bis Ende April nicht hinein! Es ist normal, dass Igel während der Winterschlafzeit ab und zu aufwachen, aus dem Schlafhaus herauskommen, etwas Kot absetzen, Wasser trinken, Trockenfutter fressen (oder beides auskippen). Dann stellt der Mensch die Ordnung wieder her. Man sollte das Wasser auch auffüllen, wenn es verdunstet ist. Wenn es gefroren ist, kommt der Igel sicherlich wegen der Kälte sowieso nicht heraus. Wenn man statt großer Plastikbox einen Pappkarton als Winterschlafbox benutzt, achtet der Mensch bitte darauf, daß das Stacheltier nicht klammheimlich an der Herstellung eines Loches im Vorraum arbeitet, vorzugsweise in den Ecken, um auszubrechen. Auch das Schlafhaus sollte ab und zu auf Unversehrtheit überprüft werden.
Der Winterschlaf dauert im Idealfall von Mitte November bis Mitte April. In dieser Zeit verliert ein Igel bis zu einem Drittel seines Einschlafgewichts bzw. bei ununterbrochenem Winterschlaf etwa 1 g pro Tag.
Das Aufwachen und Wieder-Hochfüttern
Als endgültig aufgewacht gilt ein Igel, wenn er im April 5 Nächte in Folge aus dem Schlafhaus gekommen ist und vehement den Vorraum auf den Kopf gestellt hat. Erst dann holen Sie ihn in die warme Box im Pflegeraum des Herbstes zurück und füttern ihn wieder bis auf sein Einschlafgewicht hoch. Nur manchmal muss man, z.. B. wegen einer wieder aufgeflammten Hautpilzerkrankung oder einer Wiedererstarkung eines nicht vollständig beseitigten Innenparasitenbefalls nochmal nachbehandeln. Meistens aber kann man den Igel nach ca. einer Woche abends auswildern. Lesen Sie dazu bitte den Text zu Frage Nr. 26.
Dann ist er wieder wild!
Sonderfall 1: Der Winterschlaf in einem Freigehege
Vielleicht haben Sie bereits ein Freigehege und wollen den Igel dort seinen Winterschlaf halten lassen - z.B. deshalb, weil sie ein Freigehege, aber keinen geeigneten Raum habenfür eine Winterschlafbox haben.
Der Igel braucht im Freigehege ein Holzschlafhaus, das absolut wasserdicht ist. Sie stellen es mit dem Eingang von der Wetterseite abgewandt ins Gehege. Gefüllt wird es, wenn es einen Boden hat, mit einer dicken Lage Zeitungspapier oder Koniferenzweigen, gerne auch an den Seitenwänden, dann dicht gepackt Vivara-Igelhaus-Einstreu in die Mitte. Wenn das Schlafhaus keinen Boden hat, eine kleine Mulde in die Erde graben (5 cm tief), eine 5 cm hohe Schicht Drainageschicht aus runden kleinen Kieseln und Spielplatzsand in die Mulde füllen, das Schlafhaus daraufstellen und dann genauso ausstatten wie das Schlafhaus mit Boden. Koniferenzweige außen herum und obendrauf verstärken den naturnahen „Look“. Igeltrockenfutter und Wasser genauso in die Nähe des Schlafhauses stellen wie in der Winterschlaf-Box.
Das Freigehege muss super gut gegen Ratten und andere Fressfeinde des Igels gesichert sein, selbstverständlich auch von oben und ringsum gegen das Durchgraben unter der Außenbegrenzung. Diese am besten 20 cm tief in den Erdboden führen und/oder mit einer breiten schweren Steinreihe umlegen.
Das schützt auch davor, dass der Igel ausbricht. Wenn er das schaffen würde, hätte er außerhalb des Geheges kein Nest, würde weder Futter noch Nestbaumaterial finden und mit ziemlicher Sicherheit verhungern oder erfrieren.
Wägen Sie diese Gefahren bitte gut ab, wenn Sie überlegen, ob Sie den Igel in einem Freigehege oder in einer Box seinen Winterschlaf halten lassen. Dem schlafenden Igel ist es egal, ob er in einer Box oder im Gehege schläft. Die Unterbringung im Freigehege tut meiner Ansicht nach vor allem der Igelpflegerin oder dem Igelpfleger und deren Gefühl gut, den Igel naturnah untergebracht zu haben. Aber sicherer ist dies nicht unbedingt.
Sonderfall 2: Der Igel beginnt seinen Winterschlaf nicht und ist jede Nacht wach.
In diesem Fall lesen Sie bitte den Text zu Frage Nr. 25
Sonderfall 3: Es gibt eine Kälteperiode mit anhaltenden Temperaturen unter -5°.
In Garage, Gartenhaus etc. wird es nach kurzer Zeit nahezu ebenso kalt sein. In diesem Fall wickeln Sie eine mehrfach gefaltete Wolldecke um das Schlafhaus.
Der Igel wird diese Periode überstehen. Draußen in der Natur ist es ebenso kalt; in früheren Zeiten war es in jedem Winter so kalt; Igel überstehen das. Die Evolution hat es so eingerichtet: Wenn die Körpertemperatur unter 4° zu sinken droht, gibt es einen Heizschub. Dafür braucht der Igel dann etwas mehr Fettreserven als ohne solch eine zusätzliche Verbrennung. Aber er ist ja nicht mit absolutem Minimalgewicht in den Winterschlaf gelegt worden.
