Pflegeigel — Was durch die Aufnahme eines Igels auf den Menschen zukommt. Ein Überblick
Sie haben einen Igel gefunden, entschieden, dass er hilfsbedürftig ist, und sich entschlossen, ihn aufzunehmen. Bitte handeln Sie nun nicht nur intuitiv, sondern beachten Sie die folgenden Regeln, sonst misslingt die gut gemeinte Hilfe!
Jeder einzelne der folgenden Punkte wird unter den „30 Fragen und Antworten“ noch deutlich ausführlicher als hier erläutert.
Warmstellen:
Igel brauchen Wärme, wenn sie aufgenommen werden (20° bis 23° Raumtemperatur, schwache Igel und Igelsäuglinge in ein Handtuch wickeln und auf eine Wärmflasche legen). Machen Sie sich bewusst, dass es sich um ein kleines, krankes Säugetier handelt, das wie z. B. auch Menschenbabys und kranke Menschen Wärme braucht.
Jedes Grad weniger muss das Tier mit seinen (letzten) Energiereserven kompensieren. Wenn Temperaturen über 20° nicht angeboten werden können, vegetiert das Tier langsam dahin, und es ist dann besser, den Igel draußen zu lassen, um der Natur möglichst schnell freien Lauf zu lassen.
Igelstation oder Tierarzt kontaktieren:
Die Behandlung verletzter oder sehr schwacher Igel gehört sofort in igelfachkundige Hände. Kontaktieren Sie eine Igelstation (Suchhilfen unter Frage 30 der „30 Fragen und Antworten“) oder bringen Sie verletzte Tiere in die Tierärztliche Hochschule Hannover (24-STd.-Notaufnahme) oder zum Tierarzt. Bitten Sie allerdings den Tierarzt unter Berufung auf die Schrift „Igel in der Tierarztpraxis” von Pro Igel e.V., bei der Erstversorgung auf keinen Fall die Entwurmungsmedikamente Ivomec, Dectomax oder Levamisol zu spritzen oder Advocate auf die Haut aufzubringen. Geschwächte Tiere oder sehr junge Igel überleben dies sehr oft nicht. Wenn der Tierarzt möchte, kann er gerne Rat bei mir einholen, was einem geschwächten/verletzten Igel am besten zu verabreichen ist. (Siehe auch Text zu Frage Nr. 27)
Die Aufzucht von Igelsäuglingen gelingt nur nach persönlicher genauer Einarbeitung durch erfahrene IgelpflegerInnen. Kontaktieren Sie dazu sofort eine Igelstation (Suchhilfen unter Frage 30 der „30 Fragen und Antworten“) — es geht um Stunden! Aber bitte nicht selber versuchen, Säuglinge zu füttern! Man braucht Spezialpräparate und genaue Kenntnis der zu fütternden Mengen. Bei ungeübten Fütterversuchen gerät allzuleicht etwas in die Lunge, so dass die Säuglinge ersticken. Außerdem muss man Iglsäuglingen durch „Toiletting“ helfen, Urin und Kot abzusetzen, sie können das nicht ohne Stimulierung und sterben, wenn man es nicht tut oder nicht hinbekommt.
Unterbringung und „Room Service“:
Für die häusliche Unterbringung nehmen Sie einen möglichst großen, stabilen Pappkarton (Minimum: 60 cm x 80 cm, Höhe mindestens 50 cm, sonst klettert der Igel heraus), in den Sie als Schlafhaus einen kleinen Pappkarton stellen (ca. 20 cm x30 cm Grundfläche) mit ausgeschnittenem Tor (8 cm breit und hoch). Als Bodenbelag nimmt man in beiden Kartons vierfach gelegte Zeitung, das Schlafhaus wird zusätzlich mit leicht geknülltem Küchen- oder Toilettenpapier gefüllt. Man kann auch eine Kunststoff-Box, z. B. von IKEA, und eine Kunststoff-Kartoffelbox einrichten - das ist ausbruchssicherer und hygienischer, aber natürlich nicht gratis zu haben. Zeitung und Papier sind täglich, am besten morgens, zu erneuern. Hygiene und das Einschätzen des Kots sind extrem wichtig. Bitte keine Blätter aus dem Garten (erneute Konfrontation mit Keimen), Heu oder Stroh (Schimmelbildung, unhygienisches Festsetzen zwischen den Stacheln) verwenden!
(Detailliertere Anleitung im Text zu Frage Nr. 20)

SAMLA-Box von IKEA und Kartoffelbox von amazon, püriertes Katzendosenfutter, Royal-Canin-Mother&Baby-Cat-Trockenfutter und Wassernapf

Die abendliche Versorgung ist abgeschlossen.

Morgentliche Überraschung: Der Igel hatte andere Ordnungsvorstellungen als die Igelpflegerin.

Pappkarton oder Kunststoffbox - beides hat Vor- und Nachteile.

Blick aus dem Schlafhaus
Wiegen und Gewichtstabelle:
Man wiegt den Pflegeigel jeden Morgen und trägt das Gewicht in eine dafür angelegte Tabelle ein. Das kann ganz unkompliziert und handschriftlich sein. Wichtig ist nur, dass man es wirklich ganz konsequent macht, damit man Unregelmäßigkeiten sofort bemerkt.
Wenn der Igel plötzlich aufhört zu fressen, nicht zunimmt, grünen, schleimigen, dünnflüssigen und/oder mit Blut vermischten Kot absetzt, suchen Sie bitte sofort fachkundige Hilfe, nicht erst abwarten.

Selbstverständlichkeit: tägliches Wiegen und Protokollieren des Gewichts und des Behandlungsverlaufes

Hühnchen-Snack während des Room-Service
Futter:
Der Igel ist ein Fleischfresser (Insekten, Asseln, Käfer). Der Igel in menschlicher Obhut wird mit Katzendosenfutter und Igeltrockenfutter gefüttert, so erhält er alle wichtigen Nährstoffe. Katzendosenfutter (erhältlich in jedem Supermarkt in 400g-Dosen, die Sorte spielt keine Rolle, nur Gemüse, Reis etc. darf nicht mit darin sein) und Igeltrockenfutter (lose erhältlich bei „Fressnapf“, „Miezebello“ oder „Futterhaus”, bitte unbedingt darauf achten, kein Produkt für exotische Igel verkauft zu bekommen) werden mit etwas Wasser und einem halben Teelöffel Speiseöl zu einem dicklichen homogenen Brei verarbeitet. Ein Igel mittlerer Größe frisst pro Nacht etwa 150 bis 200 g von diesem Brei. (Detailliertere Anleitung im Text zu Frage Nr. 20)
Gelegentlich kann man zusätzlich gargekochtes Hühnchen anbieten.
Am Aufnahmetag kann man einem Igel auch Rührei ohne Salz geben, wenn kein Katzen- oder zur Not auch Hundedosenfutter zur Hand sind. Obst, Gemüse und Milch kann er überhaupt nicht verwerten; Milch führt zu gefährlichen, häufig tödlichen Darmkoliken.
Ein Igel muss fressen – tut er das nicht oder frisst er nur sehr viel weniger, suchen Sie bitte umgehend eine Beratung.
Außer dem Futter braucht der Igel Wasser, am besten in einem Glasaschenbecher, der nicht so leicht umzukippen ist.
Parasiten:
Außenparasiten sind Zecken und Flöhe (den Igel mit Permethrin-biomo- oder Frontline-Spray sparsam einsprühen, keinen Flohpuder und kein Spot-on-Präparat verwenden), Zecken einzeln von Hand entfernen. (Näheres siehe Text zu Frage Nr. 19)
Wegen der Innenparasiten sollte jeder aufgenommene Igel, sobald er sich nach ein paar Tagen etwas erholt hat, eine Entwurmung bekommen. (Genauere Infos dazu im Text zu Frage Nr. 21)
- Entweder man entwurmt den Igel prophylaktisch gegen alle häufig vorkommenden Innenparasiten mit der von Pro Igel e.V. in Zusammenarbeit mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover entwickelten Methode. Dies dauert etwa zwei Wochen und erfordert vier verschiedene Medikamente, von denen drei aufs Futter getan werden, das vierte muss gespritzt werden. Bis auf die Spritzen ist es möglich, einen sonst gesunden (nur untergewichtigen) Igel zu Hause zu entwurmen. Allerdings können auch Komplikationen auftreten: Durchfall, Nahrungsverweigerung u. a. erfordern schnelle zusätzliche Maßnahmen, in einem solchen Falle warten Sie nicht lange und nehmen Kontakt mit einer Igelstation oder mit mir auf.
- Oder man sammelt nach ca. 2 Tagen Eingewöhnungszeit zweimal täglich eine erbsengroße Kotprobe in ein und dasselbe Gläschen, 3 Tage lang. Diese lässt man bei einem Tierarzt auf die vorhandenen Innenparasiten untersuchen und behandelt dann nur mit den gegen diese Innenparasiten wirksamen Medikamenten.
Vorsicht beim Tierarzt: im Tierarzt-Studium wird das Wissen um den Igel so gut wie gar nicht vermittelt. Einige Tierärzte verwenden in bester Absicht die Medikamente Ivomec oder Advocate, die aber nachgewiesenermaßen geschwächte und/oder untergewichtige Igel bis zur schlimmsten aller denkbaren Folgen schädigen können. Oder es werden notwendige Entwurmungskomponenten vernachlässigt. (Hierzu im Falle eines Falles bitte auch den Text zu Frage Nr. 27 lesen)

Zeckenentfernung im Igel-Gesicht

Verabreichung eines wichtigen Medikaments in Futterbrei per Spritzenfütterung - auch bei Altigeln manchmal unumgänglich

Winterschlafbox, nachdem die Igelin einmal ein bisschen im Vorraum nach dem Rechten geguckt hat.
Winterschlaf:
In der Natur gehen die Igel im Spätherbst in ihren Winterschlaf, der bis April andauert. Das Auswildern vor dem Winter ist nur bis Ende November und nur bei Temperaturen über + 5° möglich. (Auswilderung im Herbst: Text zu Frage Nr. 23)
Ein Igel, der vor dem Winter nicht mehr ausgewildert werden kann, muss nach seiner Genesung und nach Erreichen eines ausreichenden Gewichtes an einem kalten Ort (Außentemperatur! Keller sind meistens zu warm) in einer geeigneten Winterschlaf-Box seinen Winterschlaf in menschlicher Obhut halten können, damit sein Jahresrhythmus nicht aus dem Takt gerät. (Genaue Anleitung im Text zu Frage 24)
Auswilderung:
Die in menschlicher Obhut überwinterten Igel holt man nach dem endgültigen Aufwachen (ab Mitte April, je nach Wetterlage früher oder später) noch einmal in den warmen Pflegeraum im Haus, um sie wieder auf ihr spätherbstliches Einschlafgewicht hochzufüttern, bevor sie in die Natur entlassen werden.
Auswildern im Frühjahr sollte man erst dann, wenn Bäume und Sträucher voll ergrünt sind (meist Anfang bis spätestens Mitte Mai): Man stellt den Igel in seinem Schlafhaus in der Abenddämmerung unter ein Gebüsch, Futter- und Wassernapf neben das Eingangsloch. Das Schlafhaus entfernt man, wenn der Igel es verlassen hat. ("Auswilderung im Frühjahr": siehe Text zu Frage Nr. 26)
Die Futterstelle behält man noch etwa zehn Tage an der Auswilderungsstelle bei, damit der Igel ohne Gewichtsverlust lernen kann, sich in der Natur zu ernähren.

Auswilderung: Abends unter einem Gebüsch stellt der Igel überrascht fest, dass er aus dem Papphaus in die Freiheit gelangt.

Dass vor dem Auswilderungshaus sein gewohntes Futter steht, merkt er sich... Foto: Maria Kellner

... auch wenn er erstmal Fersengeld gibt. Foto: Maria Kellner
Danach gehört er nur noch sich selbst.
