26. Was ist bei der Igel-Auswilderung im Frühjahr zu beachten?
Oktober 7, 202628. Wie kann ich meinen Igel in der Tierärztlichen Hochschule Hannover abgeben?
Oktober 7, 202627. Meinem Fundigel geht es sehr schlecht. Ich will mit ihm zum Tierarzt gehen /
Ich war mit ihm schon beim Tierarzt und danach wurde es noch schlechter.
Was kann ich noch tun?
Gut zu wissen vor einem Tierarzt-Besuch mit dem Pflegeigel:
Bitte seien Sie vorsichtig und wachsam beim Besuch eines Tierarztes oder einer Tierärztin: Sie sind leider oft mit spezifischen Diagnosen und Behandlungen bei Igeln auf bloße Intuition angewiesen, weil der Igel im regulären Tierarztstudium nicht vorkommt.
Oft ist es besser, mit dem Igel in eine versierte Igelstation zu fahren (zu finden im Text zu Frage Nr. 30) oder eine solche nach einem Igel-kundigen Tierarzt zu fragen.
Etliche Igel-unkundige Tierärzte geben - in guter Absicht zwar - ein Spot-on-Präparat (Advocate) oder eine Entwurmungsspritze (Ivomec), die für andere Tierarten entwickelt worden sind, einem Igel aber mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr schaden. Oder die verabreichten Medikamente sind nicht wirksam (Stronghold wirkt nicht gegen Lungenwürmer). Manchmal werden Medikamente für Igel auch falsch dosiert oder zu früh verabreicht (Levamisol wird von Igeln unter 250 g oder geschwächten oder nicht ganz aufgewärmten Tieren nicht vertragen und darf außerdem auf keinen Fall in ein Blutgefäß injiziert werden), oder die Entwurmung ist nicht vollständig. Tierarzthelferinnen dürfen grundsätzlich keine Injektionen geben. Tierärzte wissen manchmal nicht, dass man Igel auf keinen Fall in den Nacken spritzen darf, so wie Hunden und Katzen.
Vielleicht mögen Sie die Entwurmungshinweise (Text zu Frage Nr. 21) von meiner Webseite ausdrucken oder den link mitnehmen, wenn Sie zu einem Tierarzt gehen?
Fallen Sie einem Tierarzt notfalls in den Arm, wenn er etwas geben will, das er Ihnen nicht genau zu zeigen bereit ist. Treten Sie dazwischen, wenn er mit dem Igel in einem anderen Raum verschwinden will, ohne dass Sie mitgehen dürfen. Halten Sie den Tierarzt unter allen Umständen davon ab, Ivomec oder Advocate zu geben oder eine Injektion in den Nacken zu setzen.
Bitte weisen Sie den konsultierten Tierarzt auf das Standardwerk „Igel in der Tierarztpraxis“ von Igel e.V. hin, das von der Tierärztlichen Hochschule Hannover mitentwickelt wurde und dessen Lektüre als Ergänzung zum Studium jedem Tierarzt ans Herz zu legen ist. Der Beitrag zur Entwurmung auf meiner Webseite richtet sich nach den Vorgaben dieses Buches.
Dass ein Igel vielleicht erstmal etwas anderes als Entwurmungsmedikamente bräuchte, z. B. eine einwöchige Spritzen-Antibiose und/oder lebenserhaltende Infusionen, erkennen Tierärzte leider oft nicht. Eine Antibiose ist z. B. indiziert, wenn Innenparasiten oder ein durch Hungern geschwächtes Immunsystem einer bakteriellen Darmentzündung oder Bronchitis Vorschub geleistet haben. Allerdings gilt beim Tierarztbesuch (und sonst natürlich auch): Antibiose nur bei Indikation (Inappetenz, Durchfall, Gewichtsstagnation oder –abnahme, grüner Kot, schwere Atemwegsinfektionen, Verletzungen.) Es gibt Tierärzte, die Igeln routinemäßig Reserve-Antibiotika spritzen, um auf Nummer sicher zu gehen, selbst wenn es keine ausreichende Begründung dafür gibt.
Wenn Sie schon beim Tierarzt waren:
Wenn Ihr Igel beim Tierarzt eine einmalige Spritze bekommen hat und es ihm hinterher extrem schlecht geht, war höchstwahrscheinlich Ivomec in der Spritze, oder Levamisol war überdosiert oder ist ohne Aspiration gespritzt worden und sofort in den Blutkreislauf geraten. Man kann dem Igel jetzt höchstens noch mit Infusionsspritzen Flüssigkeit infundieren, um das unverträgliche Medikament in der Blutbahn zu verdünnen (maximal 10 % des Körpergewichts pro Tag, aber unbedingt aufgeteilt auf 3 Gaben). Der Igel muss Wärme erhalten (handwarme Wärmflasche). Sollte der Igel überleben, muss er wahrscheinlich per Spritze mit der Hand (zwangs-)gefüttert werden. Tägliche Gaben von Vitamin-B-Komplex unterstützen das Abklingen von neurologischen Ausfallerscheinungen.
Dies kann bis zu drei Wochen notwendig sein. Bei Igeln, die zwar dann stabil sind, aber motorische Schwierigkeiten („Wackeln”) zurückbehalten haben, ist von einer Auswilderung abzuraten. Sie müssen in einem Freigehege untergebracht oder doch noch euthanasiert werden.
Wenn Ihr Igel beim Tierarzt gar nichts oder höchstens ein harmloses Aufbaupräparat bekommen hat, obwohl es ihm sehr schlecht geht, versuchen Sie bitte, zu einer Igelstation in Ihrer Nähe zu fahren (zu finden im Text zu Frage Nr. 30) oder eine solche telefonisch nach einem erreichbaren Igel-kundigen Tierarzt zu fragen. Es kann jetzt um wenige Stunden gehen. Einen Igel in Agonie kann man mitunter durch sofortige Injektion von Cortison und RingerLactat oder Sterofundin und Wärme noch retten.
Die unangebrachten Medikamente im Einzelnen:
1. Ivomec passiert bei Igeln, anders als bei Hunden und Katzen, die Bluthirnschranke und bewirkt entweder nach wenigen Stunden den Tod des Igels, oder es erzeugt schwerste neurologische Schädigungen, Bewegungsanomalien (z. B. lebenslanges "Wackeln"), Nahrungsverweigerung u.v.m. Jeder Igelstationsbetreiber kennt die Situation, in der von erschütterten Igelfindern sterbende Igel gebracht werden, die zuvor von unkundigen Tierärzten Ivomec injiziert bekommen hatten.
2. Für Advocate gilt Ähnliches, auch wenn das Mittel „nur" äußerlich verabreicht, d. h. in den Nacken geträufelt wird. Anders als in dem sonst von mir strikt befolgten Buch „Igel in der Tierarztpraxis" von Pro Igel e. V. als anwendbar angegeben, lehne ich die Verwendung von Advocate ab: Leiter einer mir bekannten Igelstation konnten in Erfahrung bringen, dass die Versuchsreihen, die die Verträglichkeit für Igel bescheinigten, mit gesunden, erwachsenen Tieren durchgeführt worden sind. Aber die kleinen, geschwächten Jungigel werden mit ihren Innenparasiten zusammen durch Advocate umgebracht, wie man als Igelstationsbetreiber immer wieder durch sterbend gebrachte Tiere erfahren muss. Dies mag auch darauf zurückzuführen sein, dass das Mittel für deutlich kleinere Tiere als Katzen extrem schlecht und ungenau zu dosieren ist und dadurch immer wieder stark überdosiert verabreicht wird. Aber auch die Wirkstoffe an sich sind für kleine schwache Igel oft tödlich.
3. Es kommt auch vor, dass ein Tierarzt einem Igel eine Levamisolspritze gibt. Dies ist im Prinzip richtig, so lange der Igel über 250 g wiegt und stabil ist. Aber es muss unbedingt nach 48 Stunden eine zweite Levamisolspritze gegeben werden, sonst ist die Wirksamkeit der ersten stark herabgesetzt.
Übrigens: „Impfen" kann man gegen Parasiten leider nicht, denn wenn der Igel in der Natur auch nur eine einzige Schnecke frisst, hat er die Wurmeier bereits wieder aufgenommen. Man kann durch Entwurmung nur den schon vorhandenen Befall entfernen.
