19. Wie befreie ich einen Igel von Flöhen, Zecken und Milben?
Oktober 7, 202621. Prophylaktische Entwurmung / Behandlung gegen Parasiten / Antibiosen / Analgetika. Ich hätte gern ein Merkblatt zum Ausdrucken, das ich zum Tierarzt zum Entwurmen mitnehmen kann.
Oktober 7, 202620. Wie bringe ich einen hilfsbedürftigen Igel unter,
was füttere ich, und was muss ich sonst noch beachten?
Sie möchten die Pflege eines Igels übernehmen, dessen Hilfsbedürftigkeit Sie festgestellt haben.
Bitte handeln Sie nicht nur intuitiv, sondern beachten Sie genau die folgenden Richtlinien, sonst misslingt die gut gemeinte Hilfe!
Es folgen jetzt Abschnitte zu
- Warmstellen
- Unterbringung (Pappkarton, Plastikbox, Käfig), Hygiene, mehrere Igel unterbringen
- Futter (Rezeptur, Fütterung)
- Wiegen
- Entwurmung (Innenparasiten)
- Innerliche Infektionen
- Äußerliche Infektionen
- Zusätzliche Pflegemaßahmen
- Handfüttern
- Winterschlaf
- Auswilderung
Bitte rollen Sie hier auf das entsprechende Thema weiter, zu dem Sie Fragen haben.
Warmstellen
Igel brauchen unbedingt sofort Wärme, wenn sie aufgenommen werden. Die Box eines Pflegeigels muss bei mindestens 22° stehen. Legen Sie ihm zusätzlich eine mit gut handwarmem Wasser befüllte Wärmflasche oder ersatzweise zwei alte, ebenso gefüllte Mineralwasserflaschen, eingewickelt in ein altes Handtuch, ins Schlafhaus. Das Wasser muss alle 3 Stunden erneuert werden. Sie können ihm stattdessen auch ein Kleintierwärmepad namens Snuggle-Safe spendieren, erhältlich bei amazon.
Machen Sie sich bewusst, dass es sich um ein kleines, krankes Säugetier handelt, das wie z. B. auch Menschenbabys und kranke Menschen Wärme braucht.
Jedes Grad weniger, beispielsweise bei Unterbringung im wenig oder nicht geheizten Keller, Gartenhaus, Gewächshaus, Wintergarten oder gar auf Balkon oder Terrasse, muss das Tier mit seinen (letzten) Energiereserven kompensieren, um die Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Es nimmt dann trotz Futterangebot nicht zu und fällt eventuell sogar in einen energiezehrenden Dämmerschlaf, in dem es nicht mehr fressen kann, der energiesparende Winterschlaf aber nicht einsetzt, weil es dazu wiederum zu warm ist. Das hat keinen Sinn, ist nicht artgerecht und damit nicht im Sinne des Bundesnaturschutz- und des Tierschutzgesetzes.
Wenn Temperaturen ab 22° nicht angeboten werden können, ist es besser, den Igel draußen zu lassen und ihm dort bis Ende November bzw. Mitte Mai eine Futterstelle einzurichten.
Unterbringung
Der Igel ist ein nachtaktives Tier, das tagsüber in einem Versteck schläft. Dieses Prinzip versucht man so nachzuahmen, dass der Pflegeigel sich tagsüber nicht bedroht fühlt und nachts ein Minimum an Bewegungsfreiheit vorfindet.
Für die häusliche Unterbringung nehmen Sie einen möglichst großen, stabilen Pappkarton (Minimum: 60 cm x 80 cm, Höhe mindestens 50 cm, sonst klettert der Igel heraus) oder eine Plastikbox aus dem Baumarkt oder eine IKEA-Box namens SAMLA, zu der es auch passende Deckel gibt. Einen solchen Deckel quer durchsägen und eine der Hälften mit bei Ebay als 3D-Drucke erhältlichen Befestigungsclips an der Box fixieren. Unter diese Abdeckung stellt man das Schlafhaus. Das kann ein kleiner Pappkarton mit Boden sein (ca. 20 cm x30 cm Grundfläche) mit ausgeschnittenem Eingang (10 cm breit und hoch).
Bewährt haben sich auch Kartoffelboxen, erhältlich bei amazon: In so eine Kartoffelbox von amazon an einer der Querwände unten (blauer Deckel = oben) eine 10×10 cm große torförmige Öffnung sägen, scharfe Kanten rund feilen. Das Schlafhaus in eine Ecke unter den halbierten, festgeklammerten Deckel der Samla-Box stellen, mit ca. 2 kg beschweren, damit der Igel es nicht herumschieben kann. Dann ist die ganze Sache ausbruchssicher.
Eine Unterbringung im Freigehege ist im Herbst in den allermeisten Fällen nicht sinnvoll, weil es für einen kleinen Igel draußen nachts bereits zu kühl ist, um so schnell wie möglich an Gewicht zuzulegen. Ihn einerseits einzusperren, ihm aber andererseits eine der wichtigsten Komponenten, nämlich die Wärme, für eine schnelle Gewichtszunahme vorzuenthalten, ist etwas widersinnig.
Als Bodenbelag nimmt man in beiden Boxen vierfach gelegte Zeitung, das Schlafhaus wird zusätzlich mit leicht geknülltem Zeitungs-, Küchen- oder Toilettenpapier gefüllt. Zeitung und Papier sind täglich, am besten morgens, zu erneuern.
Bitte verwenden Sie keine Blätter aus dem Garten(erneute Konfrontation mit Keimen), auch kein Heu oder Stroh (Schimmelbildung, unhygienisches Festsetzen zwischen den Stacheln, schlechte Möglichkeiten, den Kot zu beurteilen)!
Bitte lassen Sie Ihren Pflegeigel nicht frei laufen! Jungigel bilden auch bei wenig Bewegung ihre Muskulatur voll aus und bleiben fit. Das Laufenlassen in der Wohnung birgt Gefahren; eine Unterbringung in einem Freigehege bei kühler/kalter nächtlicher Außentemperatur verbraucht viel zu viel Energie. Denn das Wichtigste ist, dass ein Jungigel im Herbst so schnell wie möglich ein gutes Winterschlafgewicht erreicht: Auch, wenn ein Jungigel sowieso nicht mehr vor dem Winter ausgewildert werden kann, ist ein schnelles, rechtzeitiges Erreichen eines sicheren Einschlafgewichts von 700 bis 750 g wünschenswert. Wenn es draußen winterlich kalt wird, merken das die Pflegeigel (woran auch immer) und fressen nicht mehr gut, egal wie sehr man den Pflegeraum erwärmt.
Kaninchen- oder Meerschweinchenkäfig: Gitter sind problematisch für die Unterbringung von Pflegeigeln. Sie stecken die Nase hindurch und klettern…Jede Igelstation kennt die dabei entstehenden Verletzungen auf dem Nasenrücken und ausgerissene Krallen. Wenn Sie beobachten, dass Ihr Igel anfängt, am Käfiggitter zu klettern, kleiden Sie den Käfig bitte sofort mit Wellpappe von innen aus, die Sie in den Ecken, wo die Pappstücke aneinander stoßen, mit senkrecht verlaufenden Streifen Paketklebeband aneinander kleben. (Quer verlaufendes Klebeband übt einen unwiderstehlichen Reiz zum Herunterreißen auf jeden Igel aus.)
Mehrere Igel unterbringen: Nur, wenn es sich mit 100%er Sicherheit um Igelkinder aus ein und demselben Wurf handelt und sie noch nicht einzeln unterwegs waren, kann man sie bis zu einem Gewicht von ca. 350 g zusammen in einer Box unterbringen, die aber größer als eine SAMLA-Box sein sollte. Ab 350 g wird die Verschmutzung über Nacht zu groß, dann sollte man sie trennen und jeden einzeln in einer eigenen Box unterbringen. In der Natur löst sich sogar vor diesem Stadium der Familienverband bereits auf, und die Jungigel werden zu Einzelgängern.
Weitere Gründe, Jungigel zu trennen:
sie stammen aus unterschiedlichen Würfen (Gefahr, dass ein Wurf mit Bakterien oder Innenparasiten infiziert ist und einen gesunden Wurf ansteckt)
grüner Kot in der Box (trennen und Verursacher medizinisch behandeln lassen),
einer wird ständig vom Futter abgedrängt,
sie entwickeln sich gewichtsmäßig mehr als 50 g auseinander,
sie attackieren sich („Ohren beißen“),
man will eine prophylaktische Entwurmung durchführen (Futtermedikation muss sich nach den individuellen Gewichten richten).
Futter
Der Igel ist ein Fleischfresser (Insekten und deren Larven, Asseln, etc). Der Igel in menschlicher Obhut wird mit Katzendosenfutter und Igeltrockenfutter (möglichst getreidefrei) gefüttert, beides zusammen kommt dem natürlichen Nahrungsspektrum relativ nahe, und der Igel erhält alle wichtigen Nährstoffe.
Säuglinge bekommen spezielle Aufzuchtmilch und müssen für jeden Toilettengang stimuliert werden. Die Säuglingsaufzucht gelingt nur nach persönlicher Einweisung und Schulung durch erfahrene IgelpflegerInnen.
Igel ab 130 g Körpergewicht brauchen nicht mehr zwingend Aufzuchtmilch, auch wenn sie in der Natur noch von der Igelmutter gesäugt würden. Man füttert zunächst 50 bis 100 g Gourmet-Gold-Pastete (Achtung, nicht „Ragout“) oder Animonda „vom Feinsten“ Kitten-Baby-Paté, das man mit Fencheltee und ein paar Tropfen Speiseöl zu einem homogenen, cremigen Brei verrührt. Gefüttert wird morgens und abends, damit die Kleinen möglichst immer etwas Frisches zur Verfügung haben.
Igel ab 250 g Körpergewicht bekommen Katzendosenfutter aus 400g-Dosen. (Die Sorte spielt eine untergeordnete Rolle, nur Gemüse, Reis, Gelee etc. dürfen nicht mit darin sein. Wenn Sie die Wahl haben, wird die Sorte „Rind” am problemlosesten von Igeln gefressen. Je höher der Eiweißanteil („Rohprotein”, Kleingedrucktes), umso besser, aber auch umso teuer. Das muss jeder Igelpfleger selber entscheiden.) Man mischt das Katzendosenfutter mit Igeltrockenfutter, und auch dieses gibt es von verschiedenen Herstellern, hier und da auch lose erhältlich bei „Fressnapf“, „Miezebello“ oder im „Futterhaus”. Bitte achten Sie unbedingt darauf, kein Produkt für exotische Igel zu kaufen. Es muss für den Europäischen Braunbrustigel sein. Sehr bewährt für kleine oder schlecht fressende Igel hat es sich, das Igeltrockenfutter mit einer Kaffeemühle oder einem Eis-Crasher zu mahlen. Das Igeltrockenfutter ist sehr wichtig, weil es Chitin, Fett und die für Igel nötigen Vitamine und Ballaststoffe enthält.
Grundrezeptur:
- 100 g Katzendosenfutter
- 25 g Igeltrockenfutter
- 1/2 Teelöffel Speiseöl (Sorte ist egal)
- 10-15 ml Wasser
zu einem homogenen zähen Brei verrühren.
Verabreichung eines wichtigen Medikaments in Futterbrei per Spritzenfütterung - auch bei Altigeln manchmal unumgänglich
Man serviert abends in einem ca. 10 cm großen Keramiknapf, dessen Rand nicht höher als 2 cm sein sollte.
Den Speisezettel bereichern kann man, indem man in einem separaten Napf gar (!) gekochtes Hühnerklein oder enthäutetes Hühnerbein, beides mit Knorpel und Knochen, oder in wenig Fett ohne Salz gegartes Rinderhackfleisch anbietet oder unter den Futterbrei 2 El. Bananenbrei mischt. Viele anfangs schlecht fressende Igel mögen Royal-Canin-Mother&Baby-Cat-Trockenfutter. Das stellt man uneingeweicht in einem extra Napf neben das Feuchtfutter.
Ein Jungigel zwischen 100 und 200 g Körpergewicht muss mindestens 60 g Futter pro 24 Std. fressen, sonst nimmt er nicht zu, sondern evtl. sogar ab.Wenn ein kleiner Igel gut frisst, versucht man nach ein paar Tagen, das Gourmet allmählich durch kleingedrücktes Katzendosenfutter aus 400-g-Dosen zu ersetzen, indem man ein bisschen davon unterrührt und den Anteil in den nächsten Tagen peu à peu vergrößert. Ab 200 g kann ein gesunder Jungigel bis zu 30 g pro Nacht an Gewicht zunehmen.
Ab 400 g Igelkörpergewicht kann man mit dem Zerkleinern des Igeltrockenfutters aufhören und es unterrühren, so wie man es im Laden gekauft hat. Ein Jungigel ab 400 g frisst jede Nacht etwa 200 bis 270 g. Geben Sie so viel, wie nur irgend gefressen wird, rund um die Uhr. Vielleicht schaffen Sie es, dass Ende Oktober ein Gewicht von 600 g bzw. Anfang November 750 g erreicht ist – dann können Sie noch vor dem Winterschlaf auswildern, mit Futterstelle, die Sie bis Anfang Dezember beschicken.
Am Aufnahmetag kann man einem Igel auch Rührei ohne Salz anbieten, wenn kein Hunde- oder Katzendosenfutter zur Hand sind. Obst, Gemüse, Haferflocken, Reis kann er nicht zur Energiegewinnung verwerten, selbst wenn er etwas davon frisst. Das Verdauungssystem eines Igels ist das eines typischen Fleischfressers.
Niemals Milch geben!!!! Milch führt wegen der extremen Lactose-Unverträglichkeit des Igels zu gefährlichen, häufig tödlichen Darmkoliken.
Ein Igel muss das geeignete Futter fressen – tut er das nicht oder frisst er zu wenig, nehmen Sie bitte Kontakt zu einer Igelstation in Ihrer Nähe auf.
Außer dem Futter braucht der Igel Wasser, am besten in einem flachen Glasaschenbecher, der nicht so leicht umzukippen ist.
Wiegen
Ein Pflegeigel muss jeden Tag zur selben Tageszeit gewogen werden. Die Gewichte schreibt man in einer Liste untereinander neben das jeweilige Datum. Nur so behält man den Überblick über die Entwicklung des Igels und merkt beizeiten, wenn der Igel eine Krankheit oder eine Massenvermehrung von Innenparasiten ausbrütet. Die Gewichtstabelle ist eine unverzichtbare diagnostische Hilfe, wenn man zur ambulanten medizinischen Behandlung in eine Igelstation oder zu einem Tierarzt geht.
Wenn Ihr Igel
- gar nicht erst anfängt oder plötzlich aufhört zu fressen,
- nicht zunimmt und/oder
- grünen, schleimigen und/oder dünnflüssigen oder gar blutigen Kot absetzt,
- anhaltend hustet und rasselnde Atemgeräusche hat,
melden Sie sich bitte sofort in einer Igelstation oder bei mir, nicht erst abwarten.
Problemigel frisst zum 1. Mal, beschriebenes Futter mit kleinen Stückchen gekochtem Hühnerklein,
im Vordergrund wird ihm auch pures Igeltrockenfutter angeboten.
Jungigel bespeichelt sich mit dem Geschmack seiner ersten Fleischmahlzeit den Rücken (angeborenes, lebenslanges Verhalten bei neuen Gerüchen und Geschmäckern).
Entwurmung und medizinische Behandlung
Einzelheiten zu Entwurmung und medizinischer Behandlung entnehmen Sie bitte dem Text zu Frage Nr. 21. Hier nur ein kurzer Überblick zu den möglichen auftretenden Erkrankungen eines Pflegeigels bzw. Komplikationen während der Pflege.
1. Parasiten
Nahezu jeder Igel hat Parasiten. Außenparasiten sind Zecken und Flöhe - lesen Sie hierzu den Text zu Frage 19.
Sobald er sich nach ein paar Tagen etwas erholt hat, muss jeder aufgenommene Igel von seinen Innenparasiten befreit werden, damit er gut zunehmen und gesunden kann. Zuallermeist sind Innenparasiten und deren Folgeerkrankungen der Grund, dass in der Freiheit ein Jungigel zurückgeblieben oder ein Altigel in schlechte Verfassung geraten ist. Auch sehr kleine Jungigel können schon mit einigen Sorten der Innenparasiten infiziert sein, da sie mit der Muttermilch oder durch verunreinigte Zitzen übertragen werden. Zweifelsfrei feststellen, welche Innenparasiten der Igel im Kot ausscheidet, kann man nur durch eine mikroskopische Kotuntersuchung. Das dauert aber, da man 3 Tage lang Kot sammeln muss, oft zu lange, da schwer erkrankte Igel ohne Sofortmaßnahmen evtl. nicht überleben. Außer Bandwurmabschnitten kann man Innenparasiten nicht mit bloßem Auge sehen, auch wenn man das manchmal denkt.
Typische spezifische Symptome der gängigsten Innenparasiten:
- Darmsaugwürmer: Inappetenz, grüner Kot, oft dünnflüssiger Durchfall, Blut im Kot, kalte Füße, sehr blasse Schleimhaut in der Schnauze, unmittelbare Lebensgefahr durch Darmperforation. Wichtigstes Medikament: Praziquantel
- Kokzidien: Inappetenz, dünnbreiiger grünlicher Kot, Blut im Kot, Apathie, Lähmungen der Hinterbeine. Wichtigstes Medikament: Cotrim
- Darmhaarwürmer: Inappetenz, Durchfall, Blut im Kot, Schwäche, Darmentzündungen. Wichtigste Medikamente: Levamisol, Flubenol oder Panacur
- Lungenwürmer: trockener Husten, rasselnde Atemgeräusche, mit der Hand spürbare Vibrationen beim Atmen, evtl. Schnauzenatmung bis hin zu Luftnot. Wichtigstes Medikament: Levamisol
- Lungenhaarwürmer: dieselben Symptome wie bei Lungenwürmern. Aber hier wichtigstes Medikament: Flubenol oder Panacur
2. Innerliche baterielle Infektionen
Oft liegt zusätzlich zu Innenparasiten bei Fundigeln, insbesondere bei Igelkindern, eine beginnende bakterielle Darmentzündung vor. Denn wenn durch Wärme und Futter der Stoffwechsel des Igels hochfährt, profitieren auch die entzündlichen Bakterien, so dass sich eine solche Darmentzündung sehr schnell extrem grassiert. In der Praxis sieht das dann so aus, dass Pflegeigel 2-3 Tage gut fressen, normalen Kot absetzen und auch zunehmen - alles scheint in Ordnung. Doch dann „kippt“ die Entwicklung: die Entzündung wird im Handumdrehen so schlimm, dass der Kot grün, schleimig und evtl. zu Durchfall wird. Dann fressen sie nicht mehr, nehmen ab und haben ohne antibiotische Behandlung keine Chancen.
Bakterielle Bronchitis begleitet sehr oft einen Lungenwurm- und/oder Lungenhaarwurmbefall. Der Husten klingt dann schleimiger, und es kommt häufig zu weißem oder gelbem Nasenausfluss und Atemnot. Auch hier geht es nicht ohne Antibiotika, zusätzlich sind Schleimlöser und Inhalationen sinnvoll.
3. Äußerliche (sichtbare) Infektionen
Igel, insbesondere Jungigel, neigen zu Bindehautentzündung. Man entfernt mit einem trockenen Wattestäbchen durch Drehen desselben vorsichtig das Sekret und tut eine erbsengroße Menge Bepanthen Augen-u. Nasensalbe ins Auge. Wenn sich unter dieser Behandlung 2 Tage lang immer neues Sekret bildet, muss eine antibiotische Augensalbe (sehr bewährt hat sich das Humanpräparat Posifenicol) verwendet werden, die leider sowohl beim Tierarzt wie beim Humanmediziner verschreibungspflichtig ist. Bei älteren Igeln können vereiterte Augen auch mit einer aufgestiegenen Vereiterung der (oberen) Backenzahnwurzeln zusammenhängen. Hier muss ein igelkundiger Tierarzt das Gebiss ansehen, Augensalbe sowie ein systemisch wirkendes Antibiotikum verordnen und nach Erreichen einer Narkosefähigkeit unter Vollnarkose eine Gebisssanierung durchführen. Ein marodes Gebiss führt zu einem eindeutigen Geruch aus der Schnauze - Eitergeruch insgesamt kann auch auf zuerst nicht entdeckte Verletzungen hinweisen. Speziell Hundebisse kann man oft anfangs kaum ausmachen. Sie fallen erst auf, wenn sie nach einigen Tagen anfangen zu eitern. Wundreinigung und -desinfizierung sowie ein systemisches Antibiotikum sind dann unerlässlich. Auch Hauterkrankungen mit oder ohne Stachelausfall und zunächst unscheinbar kleine Abszesse können sich erst im Laufe des Pflegeaufenthaltes zur deutlich sichtbaren Intensität bzw. Größe herausbilden. Hautpilz, Dermatitis und Abszesse sind auch für den Menschen ansteckend (Zoonosen, unbedingt 1x-Handschuhe tragen). Sie sind unbedingt behandlungsbedürftig, siehe dazu Text zu Frage Nr. 12.
4. Besondere zusätzliche Pflegemaßnahmen
Appetitanregend und therapieunterstützend wirken wohldosierte Gaben von Vitaminen, Darmflora-Bakterien, Aufbaupräparaten und ggf. hautspezifischen Nahrungsergänzungsmitteln wie Biotin, die man aufs Futter tut:
Vitamin B-Komplex:
Beaphar Vit. B-Komplex für Kleintiere zur oralen Gabe:
0,2 bis 0,4 ml (je nach Größe des Igels) alle 2 Tage
In Tierfutterläden und im Internet frei verkäuflich
Vitamine ADEC von Röhnfried
für Hühner und Tauben zur oralen Gabe:
max. 0,45 ml für einen 1000-g-Igel täglich, für kleinere Igel entsprechend weniger.
Im Internet frei verkäuflich
Darmflora plus select von Dr. Wolz aus der Menschenapotheke, Kapseln mit pulverförmigen Darmflorabakterien. Halber Kapselinhalt pro Tag übers Futter bzw. in die Futterspritze.
Biotin-Pulver Biosel zur oralen Gabe:
1-2 Msp. pro Tag aufs Futter streuen und leicht einarbeiten.
Andere Biotin-Produkte als Biosel sind z. T. sehr stark parfümiert, können aber auch verwendet werden.
Im Internet frei verkäuflich
Virbac-Megaderm
Omega-6 & Omega-3 Verhältnis (5:1): essenzielle Fettsäuren aus Sonnenblumen-, Fisch- & Nachtkerzen-Öl, Vit. E
1/2 Tl. pro Tag ins oder übers Futter.
Im Internet frei verkäuflich
VMP-Tabletten
Je nach Igelgröße eine viertel bis eine halbe Tablette alle 2 Tage gemörsert übers Futter, nicht länger als 2 Wochen.
Im Internet frei verkäuflich
5. Handfüttern
Pflegeigel, die gerade erst dem Säuglingsalter entwachsen sind, verhungern neben ihrem Futternapf, weil sie noch nicht auf die Idee kommen, dass auch etwas anderes als Muttermilch den Hunger stillt. Man bringt diese Tiere oftmals durch „Anfüttern“ zum Selberfressen, indem man ihnen einmalig ein paar Milliliter ihres Futterbreis mit einer 1-ml-Spritze ohne Nadel direkt in die Schnauze füttert. Handfüttern kann aber auch dazu dienen, einem kranken, nahrungsverweigernden Igel quasi durch Zwangsernährung über die Zeit hinwegzuhelfen, die er braucht, bis Medikamente so weit gegriffen haben, dass er wieder aus eigenem Antrieb fressen mag.
Futtermischung: Am besten eignet sich Katzendosenfutter, das schon in der Dose eine pastenartige Konsistenz hat (Gourmet-Pastete, a/d-Futter, animonda Kitten Baby-paté). Das Futter vor dem Spritzenbefüllen durch ein feinmaschiges Teesieb drücken. Man kann dem Futterbrei etwas Fencheltee zufügen.Beim ersten Mal macht man den Futterbrei relativ dünnflüssig, weil der Igel dann schneller lernt zu schlucken. Den Futterbrei auf eine oder gleich mehrere 1-ml-Spritzen aufziehen und im Wasserbad auf Handtemperatur anwärmen.
Fütterposition: Nun nimmt man den Igel auf dem Rücken liegend in die Hand, den Kopf ein bisschen erhöht haltend. Wenn er sehr piekst, ein doppelt gefaltetes Handtuch zwischen den Igel und die Hand legen.
Füttervorgang: Mit der Spritze hebelt man von der Seite kommend die Zähne auseinander. Niemals von vorne gegen die Schneidezähne drücken!! Wenn die abbrechen würden, könnte der Igel später in der Natur keine Beute mehr machen und wäre nicht mehr auswilderungsfähig. Die Schnauze geht manchmal freiwilliger auf, wenn man mit der Spritze mit sanftem Druck an den Seitenzähnen vor- und zurückrubbelt.
Wenn die Schnauze aufgeht, Spritze sofort reinschieben und ca. 0,2 ml Brei in die Schnauze drücken. Wenn es einfach war, die Spritze rein zu bekommen, zieht man sie nach der ersten Schnauzenfüllung raus und hofft, dass der Igel kapiert, dass er schlucken soll. Wenn es schwierig war, die Spritze rein zu bekommen, lässt man sie drin und stimuliert mit der Spritzenspitze relativ weit hinten (uns würde davon schlecht werden...) die Zunge und den Gaumen. Man schiebt dabei die Spritze quer zu den Zahnreihen bis in den Mundwinkel nach hinten. Irgendwann kapiert der Igel, dass er schlucken soll. Ab dann wird es einfacher: Man kann dann eine größere Spritze nehmen und den Futterbrei etwas dickflüssiger machen.
Füttermenge: Einem Igel von 250 g sollte man maximal 12 ml auf einmal füttern (ist er krank und/oder „Anfänger“, ist oft schon nach 4 ml Schluss). Ein 300-g-Handfütterungs-Igel muss pro Tag mindestens 50 ml gefüttert bekommen, sonst nimmt er ab. Ein erwachsener Igel mit über 1000 g, der z. B. nicht mehr selber frisst, weil er Winterschlaf machen will, wegen einer nicht ausgeheilten Verletzung aber noch nicht schlafen darf, verdrückt schon mal 36 ml auf einmal (3 Spritzen à 12 ml).
Fütterende: Nach dem Füttern wischt man Danebengegangenes mit einem trockenen Waschlappen oder Küchenpapier weg, - nicht feucht, das würde enorm begünstigen, dass der Igel einen Hautpilz bekommt. Ist sehr viel danebengegangen, kann man mit einem Eierlöffel den Igelbauch „sauberlöffeln“ und das gerettete Futter nochmal zu füttern versuchen.
Fütterzeiten: Zum Verdauen sollte man dem Igel bis zur nächsten Fütterung 4 Stunden Zeit lassen. Wenn die Hoffnung besteht, dass der Igel nachts selber anfängt zu fressen, unterstützt man dies, indem man nach 17 Uhr nicht mehr handfüttert.
Bei Protest des Igels: Wenn der Igel während der Fütterung enorm anfängt zu strampeln, "muss" er vielleicht mal. Das mag er aber auf dem Rücken liegend nicht tun, deshalb schnell in die Box setzen und abwarten, ob es so ist. Nach der "Verrichtung" kann man weiterfüttern. Wenn der Igel sich vehement mit den Vorderfüßen gegen die Spritze wehrt oder gar würgt, hört man sofort auf zu füttern - es käme sowieso alles wieder raus, wenn man dann noch etwas reinzwänge.
Medikamente per Futterspritze: Wenn ein schlecht fressender Igel ein Medikament sicher aufnehmen muss (Flubenol, Cotrim, Droncittablette, Darmflora-Bakterien, Metronidazol, Bisolvonpulver u.a.), sollte man es ihm mit einer (Futter-)Spritze direkt in die Schnauze geben. Man mischt die (Halb-)Tagesdosierung des Medikaments im Töpfchen mit wenig angerührtem, spritzengängigem Futterbei und füttert diesen bitte komplett, ohne dass ein Rest im Töpfchen verbleibt. Cotrim kann man pur geben. Wenn der Igel ansonsten frisst, kann man besonders wichtige Medikamente auch lediglich mit max. 2 ml Wasser mischen und per Spritze in die Schnauze füttern - am besten vor der ersten Gabe mit dem Igel mit purem Wasser üben, damit er kapiert, dass er schlucken muss, wenn ihm etwas in die Schnauze gedrückt wird. Diese Methode sollte man auch anwenden, wenn man mehrere Igelgeschwister mit noch säugender Igelmutter in ein und demselben Gehege hat. Man kann sonst nicht gewährleisten, dass jedes Igelkind die genau gewichtsspezifische Medikamentenmenge (z. B. Cotrim) bekommt.
Winterschlaf und Auswilderung
In der Natur gehen die Igel im Spätherbst in ihren Winterschlaf, der bis Ende April andauert. Das Auswildern vor Wintereinbruch ist nur bis Ende November und nur bei nächtlichen Minimaltemperaturen über +5 °möglich, prognostiziert für mindestens noch eine Woche. Wenn Sie mit dem Igel und mit dem Wetter Glück haben und er noch vor dem Winter wieder in die Natur zurückkann, wäre hilfreich, wenn im Garten ein mit trockenen Blättern oder Haferstroh (ohne Grannen) gefülltes Holzschlafhäuschen mit großen Laubhaufen drumherum vorbereitet ist. Ein Winterschlafhaus im Garten sollte keinen Fußboden haben, da sich die Igel gern eine kleine Mulde scharren. Und es muss unbedingt aus atmungsaktivem Material sein, damit der Igel nicht im März vom Kondensat seiner Atemluft klitschnass ist.
Man stellt entweder den Igel in seinem Schlafhaus in der Abenddämmerung unter ein Gebüsch oder setzt ihn in das vorbereitete Holzschlafhaus. In beiden Fällen Futter- und Wassernapf neben den Eingang des Schlafhauses stellen. (Siehe Texte zu Frage Nr. 23 und „Igelfreundschaft im Garten“ unter dem Menüpunkt „Allgemeine Informationen“)
Bitte wildern Sie einen Jungigel erst mit 700 - 750 g aus! Die Gewichte um 600 g, die als Überlebensminimalgewichte angegeben werden, beziehen sich auf Igel, die diese Gewichte aus eigener Kraft bzw. mit Zufütterung in der Natur erreicht haben. Ein gepäppelter und ausgewilderter Igel wird erfahrungsgemäß nach dem Auswildern abnehmen, weil die geringere Umgebungstemperatur und die Bewegung ungewohnt sind. Leider muss man auch immer einkalkulieren, dass sie weglaufen und dann bis zum Winterschlaf keine Futterstelle mehr finden. Ein bisschen Reservegewicht ist da unabdingbar.
Ein Igel, der vor dem Winter nicht mehr ausgewildert werden kann, muss nach seiner Genesung und mit ausreichendem Gewicht an einem kalten Ort (Außentemperatur! Keller sind meistens zu warm) in einer geeigneten Winterschlaf-Box einen artgerechten, tiefen Winterschlaf machen können, damit sein Jahresrhythmus nicht aus dem Takt gerät bzw. ein Jungigel dies in seinem ersten Winter „lernt“. (Siehe hierzu unbedingt Text zu Frage 24. „Der Winterschlaf in menschlicher Obhut“).
Die in menschlicher Obhut überwinterten Igel sind nach dem endgültigen Aufwachen (ab Mitte April, je nach Wetterlage früher oder später) noch einmal warm zu stellen und wieder auf ihr spätherbstliches Einschlafgewicht anzufüttern, bevor sie in die Natur entlassen werden.
Das Auswildern im Frühling (Genaueres im Text zu Frage Nr. 26) sollte erst dann geschehen, wenn Bäume und Sträucher vollständig ergrünt sind (meist Anfang Mai), denn vorher sind die Beutetiere des Igels noch nicht in ausreichender Menge unterwegs. Man stellt den Igel in seinem Schlafhaus in der Abenddämmerung unter ein Gebüsch, Futter- und Wassernapf neben den Eingang des Schlafhauses. Das Schlafhaus entfernt man, wenn der Igel es verlassen hat. Die Futterstelle behält man noch etwa zehn Tage an der Auswilderungsstelle bei, damit der Igel ohne Gewichtsverlust lernen kann, sich in der Natur zu ernähren.
Der oft angeratene Aufenthalt eines Pflegeigels in einem Freigehege als Vorbereitung zur Auswilderung ist meiner Ansicht nach nicht notwendig. Jungigel lernen in einem Freigehege nicht, wie sie Beute machen können, denn dafür ist jedes denkbare Freigehege zu klein. Von den Gerüchen, Geräuschen, Licht- und Temperaturunterschieden im Freien wird ein Jungigel im Freigehege genauso überrascht, wie wenn man ihn gleich ganz in die Freiheit entlässt. Ein Altigel, der umgesiedelt werden muss, wird die neue Umgebung durch vorheriges Eingesperrtsein auf wenigen Quadratmetern nicht besser kennenlernen, wie wenn man ihn mit Futterstelle und Unterschlupf direkt in seine neue Heimat entlässt. Das Bauen eines ausbruchssicheren, artgerechten Freigeheges, in dem der Igel sich nicht z.B. durch Klettern am Gitter verletzt, ist mit erheblichem, auch finanziellem Aufwand verbunden. Für einen Menschen, der vielleicht einmalig einem Pflegeigel geholfen hat, steht dieser Aufwand meiner Ansicht nach nicht in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen.
Nach dem Auswildern ist der ehemalige Pflegeigel wieder selbst für sich verantwortlich, so wie sich das Millionen von Jahren bewährt hat, bevor es Menschen gab, die ihm das Leben schwer machten.
Auswilderungen aus der Pappbox
Fotos: Maria Kellner
